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Novartis verlost Medikamente im Wert von € 200 Millionen gegen tödliche Muskelkrankheit

Foto: (DIVI) Fotograf: Mike Auerbach

Novartis verlost das in Europa noch nicht zugelassene Medikament Zolgensma an 100 Kleinkinder mit einer tödlichen Muskelkrankheit, was die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) scharf kritisiert. „Hier wird nicht nur das offizielle Zulassungsverfahren ausgehebelt, es wird auch mit der Hoffnung von Familien gespielt“, sagt Prof. Janssens, Präsident der DIVI. „Die Indikation zur Gabe eines Medikamentes stellt der Arzt, die Zustimmung erteilt der Patient oder der juristische Stellvertreter – aber nicht ein Pharmakonzern!…“

So ein Los-Verfahren darf nicht zum Regelfall werden, um teure Medikamente auf den Markt zu bringen.“ Laut DIVI muss die Wirksamkeit des Medikamentes Zolgensma in industrieunabhängigen Studien geprüft werden. Es soll bei Kindern unter 2 Jahren, die an spinaler Muskelatrophie (SMA) leiden, dem Muskelabbau entgegenwirken. Etwa eines von 10.000 Neugeborenen kommt mit dieser Erbkrankheit zur Welt, in Deutschland betrifft dies pro Jahr circa 75 bis 80 Kleinkinder. Jede einzelne Dosis kostet rund zwei Millionen Euro.

Novartis verlost aktuell 100 Dosen weltweit. Es gibt jedoch für Kinder mit spinaler Muskelatrophie in der EU bereits seit 2017 das Arzneimittel Nusinersen der US-Pharmafirmen Ionis und Biogen. Mit der Verlosung wird laut Dr. Knochel, Ärztin für klinische Ethik München und Mitglied der Sektion Ethik der DIVI „…suggeriert, dass das Medikament allen Patienten helfen wird.“ Axel Hübler, Klinikum für Kinder und Jugendmedizin Chemnitz meint: „Nach der Zufallsprinzip-Verteilung einer nicht zugelassenen Substanz sei es nun die Pflicht des Bundesgesundheitsministeriums, die elementar verletzten ethischen und medizinischen Rahmenbedingungen wiederherzustellen.“
Dr. Neitzke, Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und Mitglied der DIVI-Sektion Ethik wiederum sagt: „Wenn eine Therapie nicht allen Betroffenen zur Verfügung steht, kann die Verlosung dazu beitragen, dass ohne Ansehen der Person entschieden wird… Nun gelte im Falle der spinalen Muskelatrophie bei betroffenen Kindern aber: Je höher die Dringlichkeit, desto schlechter die Erfolgsaussichten. Heißt im Umkehrschluss: Novartis muss sicherstellen, dass die zur Verlosung zugelassenen Kinder alle etwa gleich schwer betroffen sind und die gleiche Erfolgsaussicht haben. Nur dann erfüllt diese Lotterie des nur knapp verfügbaren Medikamentes alle Kriterien einer gleich fairen Zuteilung“, sagt Neitzke.

Nach welchen Kriterien die Auswahlkommission des Pharmakonzerns entscheide, sei aber für Außenstehende völlig intransparent. Die DIVI befürchtet, dass die Verknappung offenbar gewollt ist und einem ökonomischen Kalkül folgt: Die Therapie soll etabliert und ihre Wirksamkeit öffentlichkeitswirksam dargestellt werden – um dann nach der Zulassung in Europa über die Verordnungen den Preis wieder einzuspielen.

Die Medizin und das Gesundheitssystem dürfen nicht erpressbar werden

Die Vertreter der DIVI sehen die deutliche Gefahr, dass durch die Medikamenten-Verlosung öffentlicher Druck auf die Zulassungsbehörden in Europa ausgeübt werden könnte, um so die Preisvorstellungen des Pharmakonzerns durchzusetzen.

 

Quelle: https://idw-online.de/de/news731648

Foto: (DIVI) Fotograf: Mike Auerbach