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Lasst Babys sprechen – die Babyzeichensprache

Es ist schwer vorstellbar, dass Ihr Baby Ihnen zeigen kann, was es möchte (z.B. trinken, Musik hören) oder auch wo es ihm wehtut. Aber mit Babyzeichensprache kann das tatsächlich gelingen. Einzelheiten dazu finden Sie im folgenden Interview, das Prof. Elisabeth Sticker mit Markus und Susanne Dreier aus Nümbrecht, Eltern von zwei Kindern Samuel (4) und Elana (1) geführt hat.

Was sind die Grundlagen der Babyzeichensprache?
„Dass Sprache hauptsächlich im non-verbalen Bereich stattfindet, war uns schon lange bekannt. Neu war nur, dass auch Kleinkinder kognitiv und motorisch in der Lage sind, mittels einer vereinfachten Gebärdensprache mit uns zu kommunizieren und ihre Bedürfnisse auszudrücken. Wir waren beide sehr begeistert von dem Potential, das in diesem Ansatz steckt, dass wir es nicht abwarten konnten die Gesten auf spielerische Weise in unseren Alltag zu integrieren. Es gibt mittlerweile Kurse dazu. Wir haben uns einfach mit Büchern heran getastet und das genommen, was für uns am besten passte („BabySignal – Mit den Händen sprechen: Spielerisch kommunizieren mit den Kleinsten“ von Wiebke Gericke 2009).“

Wie hat man sich das Einüben der Babyzeichensprache vorzustellen?
„Der Mensch ist ein soziales Lebewesen. Kommunikation ist uns in die Wiege gelegt und muss nicht besonders erlernt werden. Auch Eltern, die keine Zeichensprachen bewusst einführen, bemerken, dass ihre Kinder Gesten benutzen. Wir haben dies nur eindeutiger gestaltet, indem wir sie an alltägliche Handlungen gekoppelt haben. Die besten Situationen waren für uns immer beim Wickeln oder Spielen auf der Krabbeldecke. Hier hat man beide Hände frei und meist einen guten Abstand zum Baby. So waren die Gesten für „wickeln“, „Mama“, „Papa“ und „Mobile dreht sich“ die ersten Zeichen, die wir und unsere Kinder benutzt haben. Viele Gesten sind zudem sehr intuitiv und wurden immer mal wieder benutzt, wenn wir daran gedacht hatten. „Hörst du / ich höre“ geht zum Beispiel so, dass man mit dem Zeigefinger auf das Ohr deutet. So haben sich viele „Gespräche“ beim Spazierengehen entwickelt. Merkt das Kind erst mal seine Selbstwirksamkeit, ist es einfach, darauf auf zu bauen, denn beide haben Spaß dabei.

Gestartet hatten wir mit ca. zwei Monaten, wenn die Babys langsam anfangen, besser zu sehen. Andere warten noch ein paar Monate. Wenn die Eltern mit der Anpassung an den Baby-Alltag noch Problem haben, muss man auch nichts Neues beginnen. Es soll ja kein Stress sein. Bis die Gesten erwidert werden, kann es manchmal Wochen oder Monate dauern. Wir sahen dies einfach als Angebot. Das Baby darf selbst entscheiden, ob es dieses nutzen will oder nicht. Unser Sohn hatte schon nach einer Woche die erste Geste aufgegriffen. Und Vieles kam schrittweise dazu. Zusätzlich hat er früh gesprochen. Mit 14 Monaten waren es bereits Mehrwortsätze. Dabei wurden langsam die Gesten durch Worte ersetzt. Unsere Tochter hat einen kleinen, aber gut genutzten Sprech- und Gestenwortschatz. Damit kommt sie soweit klar. Sie sammelt und macht dann große Sprünge. Samuel hat kontinuierlich aufgebaut. Wichtig waren uns der Spaß an der Sache und keine „Lernstunden“ zu veranstalten.“

 

Wie schätzen Sie den Nutzen dieser Babyzeichensprache für das Baby selbst und für Eltern ein, vor allem, wenn dem Baby etwas weh tut?
„In der Zeichensprache liegt ein riesiges Potential für beide Seiten. Deutlich wurde uns das besonders, als Samuel eine beginnende Mittelohrentzündung mit 1,5 Jahren hatte. Kinder in dem Alter sind eigentlich nicht in der Lage mit Worten klar auszudrücken, wo das Problem liegt. Bis man das eindeutig geklärt hat, kann es manchmal schon fast zu spät sein. Er konnte aber mittels Gesten uns gleich zu Anfang verständlich machen, dass ein Ohr stark schmerzt. Ich wusste, was er meint und konnte handeln. Er wusste, dass wir ihn verstehen und helfen werden. So waren wir gleich an diesem Tag beim Arzt, bevor beide Ohren betroffen waren.

Ein anderer Aspekt ist, dass Eltern die Denkweise ihrer Kinder früher kennen lernen. Wir treten in Kontakt und bekommen gleich eine gute Intuition für sie. Vielen Eltern fällt es schwer, heraus zu finden, was ihr Kind will wenn es schreit. Viele Kinder resignieren, weil sie nicht wissen, wie sie ihren Eltern verständlich machen sollen, was ihnen durch den Kopf geht. Gerade Kinder, die sehr langsam sprechen lernen, profitieren von den Gesten sehr.

Zudem lernen Kinder ihre Selbstwirksamkeit kennen. Gerade wenn sie klein sind, ist diese Erfahrung ein Schlüsselerlebnis für ihr Leben. Sie werden selbstbewusst, sind sicherer im Umgang mit fremden Situationen, entwickeln ein Selbst-Bewusst-Sein: Sie werden sich also ihrer Selbst bewusst und fangen an, ihre Identität in einem frühen Stadium zu entwickeln. Es wird immer wichtiger, starke Kinder zu haben und Babyzeichensprache kann ein Start dafür sein. Dieser Ansatz verändert auch das Verhältnis zwischen den Eltern und den Kindern. Wir tauschen uns auf Augenhöhe aus und stärken gleichzeitig die Eltern-Kind-Bindung. Wir achten aufeinander und sehen, wenn etwas nicht stimmt oder nehmen Teil an der Freude über kleine Dinge, die das Kind entdeckt. Wenn meine 1-jährige Tochter mir sagen kann, dass sie beim Frühstück gern Musik hören würde und eine Kerze an hätte, ist es für mich einfach, ihr damit eine Freude zu machen. Und das mit so einfachen kleinen Dingen, die ohne Gesten nur schwer auszudrücken wären.

Und unsere Kinder hatten viel weniger Grund zum Weinen. Wer reden und sich frühzeitig durch Gesten artikulieren kann, ist in der Lage, besser zu vermitteln, was los ist und muss nicht jammern bis Mama zufällig das Richtige rät. Außerdem ist von der Gehirnentwicklung her zu erkennen, dass die Zeichensprache die sogenannte Ambiguitätstoleranz steigert (d.h. das Aushalten von Unsicherheit und das wertfreie Erleben von Mehrdeutigkeit, was in unserer multikulturellen Gesellschaft eine große Rolle spielt). Gesten sind wie eine Fremdsprache, auch wenn sie grundsätzlich für die Babys zunächst leichter zu handhaben sind als Worte. Kinder lernen nämlich, dass ein Gegenstand auf mehrere Weisen benannt werden kann (Geste und Wort) und umgekehrt, dass ein Begriff mehrere Bedeutungen haben kann. Durch diese höhere Toleranz soll es sogar leichter werden, später Fremdsprachen zu erlernt. Denn das ist dasselbe Schema. Da es bereits vom Anfang an im Gehirn verankert ist, braucht man später nur noch darauf aufzubauen.

Und nicht zuletzt, falls das Kind tatsächlich einmal ein dauerhaftes oder zeitweises Hörproblem entwickelt, ist bereits der Grundstock für eine gelingende Kommunikation gelegt.“

 

Welche Hinweise können Sie anderen Eltern geben, die die Babyzeichensprache einführen möchten?
„Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert. Es gibt nichts zu verlieren, aber viel Nähe, tolle Gespräche und Selbstbewusstsein zu gewinnen. Wer Spaß dran hat, kann Kurse besuchen und hat dann gleich den Austausch mit anderen Eltern. Es ist aber auch allein möglich. So wie es in den Alltag passt, kann man starten. Eltern, die gerne viel singen, können zu den Lieblingsliedern selbst Gesten einführen. So kann das Kind allein zeigen, was es singen will. Man kann natürlich auch auf Fingerspielen aufbauen. Bei uns haben die Kinder teils sogar selbst Gesten entwickelt. Es ist toll zu sehen, wie sie dabei aufgehen, kreativ werden und sich immer mehr ausdrücken können. Man muss nur dafür offen sein, dem Kind gegenüber aufmerksam und jeglichen Leistungsdruck herausnehmen.“

Was liegt Ihnen sonst noch zu diesem Thema am Herzen?
„Es geht hier nicht um einen Wettbewerb nach dem Motto: „Mein Kind läuft zuerst und kann jetzt sogar zusätzlich Gesten – was keiner sonst kann!“ Die Babyzeichensprache gibt dem Kind beim Übergang zum richtigen Sprechen lediglich eine Hilfe an die Hand, um sich eindeutiger zu verständigen. Jedes physiologisch normal entwickelte Kind wird irgendwann allein reden. Es ist egal, ob man Gesten benutzt hatte oder nicht. Daher ist uns wichtig zu betonen, dass man nicht aus dem Gefühl heraus startet, etwas Wichtiges für das Kind verpasst zu haben. Wir haben viele Eltern gesehen, die aus diesem Grund zum Prager Eltern-Kind-Programm (PEKIP), Babyschwimmen, zur musikalischen Früherziehung, zum Kinderturnen und anderen Veranstaltungen regelrecht gehetzt sind. Und eigentlich wollten sie nur den besten Start für das Leben ihrer Kinder. Ich hatte auch zeitweise ein schlechtes Gewissen, weil ich zu keinem dieser Kurse gegangen bin. Dann haben wir uns aber wieder darauf besonnen, worum es eigentlich geht: Zu einer Familie zu wachsen, aufeinander zu achten, uns zuzuhören und Zeit zu haben. Aber vor allem uns keinen Stress zu machen und nicht jedem hippen Babyfördertrend nachzulaufen. Babyzeichensprache war uns gleich sympathisch, da es den Blick aufeinander richtet. Worte kann man austauschen ohne sich anzusehen. Bei Zeichen muss man hinsehen.

Wenn jemand jetzt das Gefühl hat, es könnte Spaß machen, gibt es von uns die klare Empfehlung es einfach mal zu versuchen. Wenn nicht, man kann auch anders Zeit mit seinem Kind verbringen. Wie wäre es mal wieder mit einem Waldspaziergang?“