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Prof. Thomas Kohl

Prof. Thomas Kohl

Leiter des Deutschen Zentrums für Fetalchirurgie & minimal-invasive Therapie (DZFT)

 

Bild: Willner

Prof. Kohl, welche Therapien im Mutterleib sind heute bereits möglich? Was sind die Visionen für die Zukunft?

Vorgeburtliche Eröffnungen von hochgradig verengten Herzklappen oder verschlossenen Vorhof-Scheidewänden sind seit vielen Jahren möglich und verbessern die Chance auf normale nachgeburtliche Kreislaufverhältnisse bei mehr als einem Drittel der so behandelten Ungeborenen.

Mittels mehrwöchiger Gabe von Sauerstoff an eine Schwangere lässt sich bei Ungeborenen mit nur zu kleinen, aber sonst strukturell normalen Herzkammern und Herzklappen sowie zu kleinen Gefäßen (z. B. Aortenisthmusstenose) in vielen Fällen noch ein eindrucksvolles Aufholwachstum erreichen.

Welche Risiken und Chancen bietet diese neuartige Methode?

Während bei den ultraschallgesteuerten Katheterinterventionen ein Risiko von bis zu 30% besteht, dass das so behandelte Ungeborene versterben könnte, ist das Risiko des Versterbens durch oder nach Sauerstofftherapie deutlich geringer einzuschätzen und ursächlich kaum zu belegen.

Alle Verfahren bieten die Chance auf eine Verbesserung der jeweiligen Herzfehlbildung. Dies kann für den nachgeburtlichen Verlauf, die Lebensqualität und Gesamtprognose von erheblicher Bedeutung sein.

Was müssen Eltern herzkranker Kinder wissen, bevor sie eine Entscheidung treffen können?

Die Diagnostik und Beratung über vorgeburtliche Behandlungsmöglichkeiten bei fetalen Herzfehlbildungen sollte nur an spezialisierten Zentren durchgeführt werden. Leider müssen viele Eltern längere Wege auf sich nehmen. Über geeignete Zentren in ihrer Nähe informiert zum Beispiel der Bundesverband zur Begleitung von Familien vorgeburtlich erkrankter Kinder (BFVEK) (www.bfvek.de).

Es ist wichtig zu wissen, dass sich alle vorgeburtlichen Behandlungen von strukturellen Herzfehlbildungen noch im Experimentalstadium befinden. Das heißt aber nicht, dass sie nicht schon in vielen Fällen erfolgreich und mit dem erhofften Ergebnis durchgeführt werden können.

Neu betroffene Eltern sollten sich vor dieser Entscheidung immer auch von Eltern beraten lassen, die in der gleichen Situation waren und den Weg der vorgeburtlichen Therapie gegangen sind. Nur so können Sie aus der Betroffenenperspektive erfahren, was ihre Entscheidung im positiven, aber auch negativen Sinne bedeuten kann.