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Shanice kam mit einem Herzfehler auf die Welt. Im Jahr 2011 wurde ihr ein neues Herz transplantiert.

Alles, was in meiner Lebensgeschichte passiert ist, hat mich gestärkt. Ich (Fabienne) lasse mir nicht mehr alles gefallen, sage nicht mehr zu allem Ja und Amen. Mir soll mal einer sagen, etwas geht nicht. Geht nicht, gibt’s nicht – das ist mein Spruch. Am Ende haben meine Kleine und ich es allen gezeigt. Wir können alles meistern. Das gebe ich Shanice auch mit auf ihren Lebensweg.

Ich hatte lange den Wunsch, Mutter zu werden. Mit sechsunddreißig bin ich überraschend schwanger geworden. Ich war sehr glücklich und freute mich unglaublich auf mein Kind. Für die Feindiagnostik ging ich in der siebzehnten Woche zu einem Experten. Er plauderte locker über das, was er auf den Ultraschallbildern sah. Hände, Füße, das sehe alles normal aus. Als er das Herz untersuchte, wurde er still und wirkte sehr konzentriert. Da liefen bei mir direkt die Tränen. Ich wusste, hier stimmt was nicht. Der Arzt sagte mir, dass meine Kleine einen schwerwiegenden Herzfehler habe, mit diesem Herzen würde sie vermutlich keine fünf Jahre alt werden. Ich war von dieser Diagnose völlig geschockt und habe zu Hause das ganze Wochenende geweint. Das musste auch sein.

Niemals hat ein Arzt meine Tränen gesehen.

Danach habe ich mir die Nase geputzt, meine Ärmel hochgekrempelt und bin zu weiteren Untersuchungen gegangen. Man konnte mir nicht sagen, wie lange mein Baby mit diesem Herz durchhalten würde, es könne schon morgen im Mutterleib sterben. Komplett aus dem Leben gerissen, musste ich von jetzt auf gleich ins Krankenhaus und bis zum Ende der Schwangerschaft dort bleiben. Ob ich mit oder ohne Kind wieder nach Hause kommen würde, war offen. Von da an lebte ich von einem Tag auf den anderen, ohne Gedanken an das, was morgen sein könnte. Besuch kam nur sehr selten. Meine beste Freundin oder meine Familie waren kaum da. Das war sehr enttäuschend. Ein einziger Arzt hat mir in dieser Zeit Mut gemacht hat. »Die Kleine schafft das«, hat er gesagt, »das habe ich im Gefühl, sie will leben«. Andere Ärzte meinten, es wäre legitim, die Schwangerschaft abzubrechen. Das wurde mir einige Male nahegelegt. Irgendwann konnte ich das nicht mehr hören. Ich bin ausgerastet und habe geschrien, dass ich es verstanden hätte. Es reichte mir. Meine Entscheidung hatte ich für mein Kind gefällt, für mich kam absolut keine andere Option in Frage. Falls doch etwas schiefgehen sollte, hätte ich wenigstens alles versucht. Ich bin eine starke Persönlichkeit. Ich wusste, dass ich schaffen würde, damit umzugehen. Niemals hat ein Arzt meine Tränen gesehen. Alle sollten immer wissen, dass ich Herrin meiner Lage bin und man Klartext mit mir reden kann. Wenn die Ärzte eine weinende Mutter sehen, reden sie nicht mehr richtig mit ihr.

Ich wich keine Sekunde von Shanices Seite

Endlich war der Tag der Geburt gekommen. Leider lief vieles nicht so, wie ich es mir immer ausgemalt hatte. Nach der Entbindung sah ich meine Kleine nur für vier Sekunden und gab ihr noch schnell einen Kuss auf die Stirn, dann wurde sie direkt auf die Intensivstation gebracht. Trotz dieses kurzen Moments hat mich die Liebe überwältigt. Da war sie nun, die Kleine, die ich mit all den Komplikationen so lange in meinem Bauch getragen hatte. Die nächsten drei Wochen verbrachte sie im Wärmebettchen. Ich durfte mein Baby ab und zu zum Kuscheln und Füttern auf den Arm nehmen. Stillen konnte ich sie nicht, dafür wäre sie zu schwach gewesen. Ich wich keine Sekunde von ihrer Seite. Den Ärzten machte ich direkt klar, dass ich auch nachts nirgendwohin gehen würde – und wenn ich auf dem Boden schlafen müsste. So wurde ich in einem Aufenthaltsraum untergebracht und übernahm alle Versorgungsrunden, auch die nachts um vier Uhr.

Nach vier Wochen Intensivstation wurde ich in die Medikamentengabe eingearbeitet und konnte mit meiner Tochter nach Hause fahren. Davor hatte ich großen Respekt. Schließlich durfte ich mir mit den Medikamenten keinen Fehler erlauben. Jede Nacht klingelte der Wecker alle zwei bis vier Stunden. Es war der Horror, nach vier Monaten war ich mit meiner Kraft am Ende und sah vor Erschöpfung aus wie ein Zombie.

Ich weiß noch genau, wann der Anruf kam.

Als das erste halbe Jahr vorbei war, kam ich nicht mehr darum herum, mit den Ärzten über ein Spenderherz zu reden. Von da an war ich rund um die Uhr in Bereitschaft, ein gesundes Spenderherz anzunehmen. Ich besaß zwei Handys gleichzeitig, niemals durften beide Akkus leer sein, das wäre eine Katastrophe gewesen. Ich musste immer erreichbar sein. Shanice entwickelte sich währenddessen erstaunlich gut. Ich weiß noch genau, wann der Anruf kam. Es war abends um acht Uhr, meine Kleine hüpfte und tanzte glücklich wie ein Flummi vor mir auf und ab. »Deutsches Herzzentrum, wir haben ein Organ«, sagte die Stimme am Telefon. Jetzt? Meine Kleine ist doch gerade so fit ist! Natürlich jetzt, das ist der perfekte Zeitpunkt! Tok, tok, tok …

Der Sekundenzeiger im Krankenhaus kam mir so laut vor wie ein Hammerschlag. Als Shanice operiert wurde, blieb die Welt für mich stehen. Um mich herum zog das normale Leben an mir vorbei. Hektisch und laut, tausend Menschen rannten an mir vorbei. In meiner eigenen Trichterwelt sah und hörte ich nur die Uhr. Das Gefühl, das man hat, während man darauf wartet, ob das eigene Kind für immer einschläft oder wieder aufwacht, lässt sich nicht beschreiben. Die Warterei, die Sorgen und die Gedanken sind furchtbar. Um elf Uhr morgens kam die erlösende Nachricht: Die Transplantation war gut verlaufen und Shanice im Aufwachraum. Als ich meine gerade mal zweijährige Tochter dort liegen sah, war das kein schöner Anblick. Was sie nicht schon alles durchgemacht hatte, meine Maus.

Danach begann ein neues, sorgenfreieres Leben für uns.

Shanice hat sich unglaublich schnell erholt und konnte endlich das Temperament rauslassen, das schon immer in ihr gesteckt hat. Das Herz war wohl tausend Kilometer unterwegs. Ich weiß nicht, woher genau es kam. Ich will es auch gar nicht wissen, das kann ich einfach nicht. Immer an Shanices Geburtstag und zu Weihnachten zünde ich eine Kerze für das andere Kind an. Ich habe auch schon ein Geschenk für die Familie besorgt – einen kleinen Engel, der ein Herz in der Hand hält. Ich versuche schon lange, ihr zu schreiben und die richtigen Worte zu finden, ihnen zu sagen, was es für uns bedeutet. Bis jetzt habe ich sie nicht gefunden, die richtigen Worte. Doch das Bedürfnis, ihnen zu schreiben, wird immer stärker, weil dieses fünfte Lebensjahr für uns so besonders ist. Nach dem jetzigen Stand der Medizin muss Shanices Herz in zehn bis zwanzig Jahren wieder ausgetauscht werden. Darüber mache ich mir jetzt aber noch keine Gedanken. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt – danach lebe ich. Wenn das eigene Kind schwer krank ist, kann man entweder daran zerbrechen oder man kann die Situation bewältigen. Ich denke, man sollte sein Schicksal annehmen und nicht damit hadern.

Autorin Anne Edler-Scherpe

aus dem Buch Herzensangelegenheiten